Zum aktuellen Stand der Offenbach-Biographik

 

Jacobo Kaufmann
Jacques Offenbach en España, Italia y Portugal
Libros Certeza, Zaragoza 2007 (ISBN 84-96219-90-8)

 

Jacobo Kaufmann
Isaac Offenbach und sein Sohn Jacques
Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1998 (ISBN 3-484-65121-0)

 

Jean-Claude Yon
Jacques Offenbach. Editions
Gallimard, Paris 2000

 

Offenbach: La Vie parisienne.
25 ans de l'Avant-Scène
Opéra No.206

 

Laurent Fraison, Jean-Claude Yon (unter der Mitarbeit von Dominique Ghesquière)
Offenbach, Les Dossiers du Musée d'Orsay n° 58
Réunion des Musées Nationaux, 1996

 

Alain Decaux
Offenbach, roi du second Empire
Librairie académique Perrin
Neuauflage 1978

Alexander Faris
Jacques Offenbach
Faber & Faber, London 1980

Peter Hawig
Jacques Offenbach, Facetten zu Leben und Werk
Verlag Christoph Dohr, Köln 1999

Siegfried Kracauer
Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit
Suhrkamp Taschenbuch
Neuauflage 1994

Philippe Luez
Offenbach, musicien européen
Séguier 2001

Robert Pourvoyeur
Offenbach
Solfèges, Le Seuil, 1994

David Rissin
Offenbach ou le rire en musique
Fayard, 1980

Alphons Silbermann
Das imaginäre Tagebuch des Herrn Jacques Offenbach
Piper Schott, Neuauflage München, Mainz 1991
 

Ähnlich problematisch wie es um die Ausgaben der Offenbachschen Werke bis vor kürzester Zeit gestellt war, so sah es auch auf dem Felde der Biographik aus. An Literatur mangelte es zwar nicht, doch wurde seit Anton Henselers, 1930 in Berlin erschienener Offenbach-Biographie lange Zeit keine ernsthafte Quellenforschung betrieben, stattdessen aber Mythenschöpfung oder Spekulation. Geistreich nachempfundenen "Imaginären Tagebüchern" wurde der Vorzug gegeben vor den Fakten niemals ausgewerteter Briefwechsel, mancher Aspekt aus politischen Positionen heraus über- oder unterbewertet.

Nach Alain Décaux' Offenbach, Roi du second empire wurden eine Reihe lohnenswerter, sachlicher Monographien veröffentlicht, darunter jene von Alexander Faris (die auch auf Deutsch vorliegt) oder die äußerst lebendig geschriebene und reich bebilderte von Robert Pourvoyeur (leider bisher nicht in Deutschland publiziert). In den letzten drei Jahren sind darüberhinaus eine Reihe von grundlegenden neuen Publikationen erschienen, die wir hier in Kürze vorstellen wollen und deren Lektüre wir nachdrücklich empfehlen. Es handelt sich um Jean-Claude Yons monumentale Offenbach-Biographie, die letztes Jahr im französischen Verlag Gallimard herauskam und der wir eine baldige Übersetzung ins Deutsche wünschen, Peter Hawigs Band mit grundlegenden Aufsätzen zu verschiedensten Offenbach-bezogenen Themen, sowie einen von Rainer Franke vom Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Thurnau herausgegebenen, vornehmlich der Aufführungsgeschichte gewidmeten Band.

Albert Gier würdigte Jean-Claude Yons Offenbach-Biographie in der Neuen Zürcher Zeitung (13./14. Jan. 2001): "Jean-Claude Yons fast 800 Seiten umfassende Biographie ist das genaue Gegenteil von Kracauers Buch. Der Autor ist Historiker; er versagt sich alle Spekulationen, hat stattdessen sämtliche erreichbaren Dokumente über Offenbachs Tätigkeit als Komponist und Theaterleiter (und auch über sein, allerdings sorgfältig abgeschirmtes Privatleben) gesichtet, Theaterzettel, Presseberichte, die Archive der kommunalen und staatlichen Aufsichtsbehörden, geschäftliche und private Korrespondenz, Memoiren von Sängern, Theaterdirektoren oder Librettisten und anderes mehr... Auf durchaus unspektakuläre Weise räumt das Buch mit manchen Legenden der Offenbach-Biographik auf... Jean-Claude Yons Biographie, die auch eine umfangreiche, nicht auf Frankreich beschränkte Bibliographie enthält, wird für lange Zeit das Referenzwerk über den Komponisten der Belle Hèlène sein."
Über Peter Hawigs Facetten zu Leben und Werk Jacques Offenbachs schrieb Ekkehard Pluta in FonoForum 5/2000: "Das Genie Offenbachs wird von allen Seiten gepriesen. Doch die Rezeption seines Werkes ist überwiegend von Mißverständnissen geprägt. Der bekennende und kenntnisreiche Offenbachianer Peter Hawig räumt in seinen Aufsätzen zu Leben und Werk des Komponisten mit einigen der schlimmsten Klischees auf. Seit fast drei Jahrzehnten beschäftigt sich der Autor mit Offenbach, seit 15 Jahren schreibt er auch über ihn. Daß die Sammlung seiner Texte nicht nur den Anspruch des Untertitels einlöst, Facetten zu Leben und Werk des Komponisten zusammenzutragen, sondern sich zugleich zu einem farbigen und abgerundeten Portrait fügt, ist ein ausgesprochener Glücksfall.

Hawig wehrt sich dagegen, Offenbach als Vater der Operette zu bezeichnen, weil dieses Etikett falsche und unerwünschte Verwandtschaften impliziert. Immer wieder betont er, wie stark der Wahl-Pariser aus Köln in der Musik des 18. Jahrhunderts verwurzelt war. Er wollte die alte Opéra-comique zu neuem Leben erwecken und entdeckte dabei ein neues Genre, das bis heute seinen Namen trägt: Die 'Offenbachiade', hier am Beispiel der Chinoiserie Ba-Ta-Clan analysiert und als 'systemimmanent utopische Gesellschaftssatire in der Form des Musiktheaters' definiert. (...) Sehr erhellend aber fallen auch die Untersuchungen des musikalischen Umfeldes aus. Hawig will den vielzitierten Spruch vom 'Mozart der Champs-Elysées', der auf Rossini zurückgeht und leicht ironisch gemeint ist, ernst genommen wissen, und weist nach, in welchem Umfange die Musik des verehrten Meisters Offenbachs Werk geprägt hat. Daneben werden Einflüsse von Grétry, Auber, Adam und sogar Rossini deutlich gemacht. (...) Weitere Einzeluntersuchungen sind den weniger bekannten Instrumentalkompositionen Offenbachs und seinem Opernschaffen gewidmet, wobei der 1994 in Gelsenkirchen wieder aufgeführte Fantasio als ein Vorläufer von Hoffmanns Erzählungen erkennbar wird. Karl Kraus, der nicht weniger als 14 seiner Stücke bearbeitet hat, wird als Leitfigur einer adäquaten Offenbach-Rezeption dargestellt.

Am Schluß des Buches gibt der Autor einen kritischen Überblick über die Offenbach-Literatur und geht mit den selbstgefälligen Bearbeitern von gestern und heute hart ins Gericht. Da sich der wissenschaftliche Anspruch des Buches immer mit einer unverschnörkelten und allgemein verständlichen Sprache verbindet, ist diese Aufsatzsammlung nicht nur ein ergiebiges Kompendium für Fachleute, sie stößt auch dem interessierten Laien einige Türen auf."
Ein unerschöpfliche Informationsquelle und wahre Fundgrube für die Freunde der Offenbachschen Muse sind darüberhinaus die Bad-Emser Hefte, die das alljährliche, von der deutschen Offenbach Gesellschaft ausgerichtete Offenbach-Festival in Bad Ems publizistisch begleiten. Hier finden sich generelle Einführungen neben akribischen Detailstudien, die das Feld der akademischen Publizistik äußerst bereichern. Diese sind direkt zu beziehen bei Dr. Ulrich Brand, Mühlbachweg 6, D-56357 Berg.

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NEUERSCHEINUNG


Fantasio
Klavierauszug (frz.)
979-0-2025-3472-4
236 S., kart.